Fragestellung
Im Fokus der Tagung steht das Verhältnis zwischen Modalität und Evidentialität. Es wird danach gefragt, wie die Relation zwischen den semantisch-funktionalen Domänen Modalität und Evidentialität am besten aufzufassen ist, wobei das besondere Augenmerk auf dem Deutschen liegt.
Die semantisch-funktionale Domäne der Modalität im Deutschen (und in anderen Sprachen) ist seit längerer Zeit Gegenstand sprachwissenschaftlicher Untersuchungen und ist mittlerweile gut erforscht in Bezug auf ihre konzeptuelle Struktur, ihre formale Realisierung, distributionelle Eigenschaften, textuelle und pragmatische Funktionen sowie Regelmäßigkeiten in der diachronen Entwicklung.
Die Erforschung von Evidentialität im Rahmen germanistischer Studien ist dagegen ein relativ neues Unterfangen, das bislang vorwiegend im Rahmen typologischer und grammatikalisierungsbezogener Studien stattgefunden hat. Zwar wird inzwischen allgemein davon ausgegangen, dass das Deutsche über zahlreiche sprachliche Ausdrucksformen für die Kategorie Evidentialität verfügt, so zum Beispiel die Infinitivkonstruktionen mit den Verben werden, scheinen, drohen und versprechen, AcI-Konstruktionen mit den Verben sehen, hören und fühlen, die Modalverben wollen und sollen, Satzadverbien wie offenbar, offensichtlich, angeblich u.v.a. Allerdings werden viele dieser sprachlichen Ausdrücke in der germanistischen Sprachwissenschaft traditionell als modale Formen bzw. Modalitätsausdrücke behandelt.
Da zu vermuten ist, dass im Deutschen die Kategorien Evidentialität und Modalität besonders eng verwoben sind, stellt sich die Frage, ob und wie die semantisch-funktionalen Domänen Modalität und Evidentialität und ihre Realisierungsformen im Deutschen (und in anderen Sprachen) voneinander zu unterscheiden sind, bzw. wie genau ihr Verhältnis zueinander am besten beschrieben werden kann.
In der bisherigen Forschung gibt es unterschiedliche Ansätze zur Lösung dieses Problems. Einerseits wird dafür plädiert, Evidentialität als Teil der Modalität zu behandeln. Zunehmend gewinnt dennoch die Ansicht an Akzeptanz, dass Modalität und Evidentialität zwei distinkte Kategorien darstellen, die in vielerlei Hinsichten miteinander interagieren.
Die Beantwortung dieser grundlegenden Fragen hat weitreichende Konsequenzen nicht nur für die Erforschung der Domäne der Evidentialität, sondern auch für die Konzeption der schon lange diskutierten Domäne der Modalität. Denn wenn Modalität und Evidentialität zwei distinkte Kategorien darstellen, wird es erforderlich, eine Revision der Modalitätsausdrücke des Deutschen vorzunehmen, die die Distinktion „modal“ versus „evidentiell“ berücksichtigt.
Zu den Fragestellungen, die auf der Tagung diskutiert werden, gehören u.a. folgende:
- Wie werden die semantisch-funktionalen Domänen Evidentialität und Modalität im Deutschen realisiert?
- Verfügt das Deutsche über Ausdrucksmittel, die ausschließlich modale oder ausschließlich evidentielle Bedeutung realisieren?
- Welche Kriterien können ermittelt werden, um evidentielle und modale Bedeutungen von sprachlichen Ausdrücken voneinander zu trennen? Welche Tests können anhand dieser Kriterien entwickelt werden?
- Ist es notwendig, die Erforschung von Modalität und Evidentialität auf ihre grammatischen (morphologischen, syntaktischen) Ausdrucksmittel zu beschränken oder sollen auch diverse andere – lexikalische, konstruktionale, etc. – Formen der Realisierung dieser Kategorien berücksichtigt werden?
- Welchen Status haben die deutschen Modalverben wollen und sollen? Sind sie modal oder evidentiell?
- Welche Regelmäßigkeiten zeigen modale und evidentielle Ausdrücke auf in Bezug auf ihre textuellen, pragmatischen und Diskursfunktionen?
- Welche Regelmäßigkeiten lassen sich in der diachronen Entwicklung modaler und evidentieller Ausdrucksmittel feststellen?

