Werner Abraham
"Modalität unter Fremdbewusstseinsabgleich: die weitreichenden Konsequenzen"
Erst der Analyseansatz zu Modalitätsfragen unter Arbeitskriterien des Theory of Mind/Fremdbewusstseinsabgleichs eröffnet empirische semantisch-pragmatische Analyseräume, die vorher nicht existieren. Vor allem wird möglich:
- die analytische Unterscheidung verschiedener Modaladverbien, Modalpartikeln (und epistemischer Modalverben)
- eine völlig neue Klassifikation der Satzbaupläne unter dem Kriterium, welche Satzarten und Nebensätze überhaupt Modalpartikel beherbergen können - mit dem Ergebnis, dass es 2 Sorten von Nebensätzen gibt:
solche mit und solche ohne eigene Illokutionskraft - Mit 2. wird es möglich, neutrale Satzsyntaxen, die hinsichtlich der Haupt-Nebensatz-Unterscheidung nicht entscheidbar sind, mittels des selbständigen Illokutionskraftkriteriums klarer einzuordnen. Zudem wird klarer, was die grammatischen Personen zu diesen analytischen Abgrenzungen und Fragen beistellen.
Es soll das davidsonische epistemische Dreieck in seinem Anspruch vorgestellt und unter Bezug vornehmlich auf den hoch unterspezifizierten Evidentialitätsbegriff näher diskutiert werden (Donald Davidson (2001/2004), Subjektiv, intersubjektiv, objektiv. Übersetzt von Joachim Schulte. Frankfurt am
Main: Suhrkamp [engl. zuerst 2001: Subjective, intersubjective, objective].
Anna Averina
Epistemizität und Evidentiallität in den Sätzen mit Modalpartikeln im Deutschen
Der Vortrag wird Überlegungen für das Problem des Funktionierens der Modalpartikeln im Satz vorstellen und ihre Möglichkeiten behandeln, sowohl Epistemizität als auch Evidentialität wiederzugeben.
Möglich sind folgende Schwerpunkte:
- Modalität – Epistemizität – Evidentialität.
Sowohl evidentielle als auch epistemische Bedeutungen sind eng miteinander verbunden. Sie stimmen darin überein, dass sie zur propositionalen Einstellung gehören, und nicht zur Proposition. Es wird auch vorgeführt werden, dass sie einen kontextbedingten Charakter haben. - Modalpartikeln im Satz: semantische und grammatische Struktur des Satzes.
Im Vortrag wird die semantische und grammatische Struktur der Sätze mit Modalpartikeln gezeigt werden. Sätze mit Modalpartikeln enthalten mehrere semantische Einheiten; die grammatische Struktur des Satzes stimmt nicht mit der semantischen Struktur überein. - Sätze mit den Modalpartikeln wohl, nicht, denn kein(e), doch, ja können sowohl Epistemizität als auch Evidentialität wiedergeben. Die Modalpartikel wohl drückt die Vermutung aus, die auf dem logischen Schluss aufgebaut ist, weil der Sprecher das Resultat beobachtet hat. Die Modalpartikeln nicht, denn kein(e), doch, ja drücken Sicherheit aus, die auf der sinnlichen Wahrnehmung des Sachverhalts von dem Sprecher basiert.
- Funktionen der Modalpartikeln
Die Modalpartikeln können Evidentialität wiedergeben, und diese Fähigkeit kann die Referenz der Tempus- und Aspektbedeutungen beeinflussen. Die nicht grenzbezogenen Verben erhalten perfektive Bedeutungen, was für evidentielle Strukturen typisch ist. (Плунгян 2000: 353) - In der semantischen Struktur der Sätze mit den Modalpartikeln tritt die erste Person Singular „ich“ als Modussubjekt auf. Sie sind subjektiv gefärbt – die epistemische Semantik ist für sie charakteristisch. (Leiss 2009)
Literatur
- Leiss, Elisabeth (2009). Drei Spielarten der Epistemizität, drei Spielarten der Evidentialität und drei Spielarten des Wissens. In: Modalität: Epistemik und Evidentialität bei Modalverb, Adverb, Modalpartikel und Modus. - Tübingen: Stauffenburg Verlag, 3-24.
- Плунгян, Владимир А. (2000). Общая морфология: введение в проблематику. – М.: Эдиториал УРСС.
Kjetil Berg Henjum
Epistemisches werden als kontrastive Herausforderung und Übersetzungsproblem (Deutsch->Norwegisch)
Mein Beitrag wird sich beschäftigen mit dem deutschen Modalverb werden in epistemischer Verwendung (Er wird wieder zu Hause sein, Er wird Recht haben), das eine Vermutung des Sprechers ausdrückt und nur im Präsens und im Konjunktiv I vorkommt. Das Norwegische kennt keine „direkte“ Entsprechung zu dieser Verwendung dieses Verbs und muss z.B. bei der Übersetzung aus dem Deutschen zu „sinnähnlichen“ Konstruktionen mit einer eine Vermutung ausdrückenden Partikel greifen. Untersucht wird, wie solche Sätze mit werden ins Norwegische übersetzt werden (können). Das Material wird sich aus elektronisch verfügbaren, deutschsprachigen belletristischen Texten und ihren Übersetzungen ins Norwegische zusammensetzen. Das Korpus ist noch nicht zusammengestellt worden; vielleicht wahrscheinlich werde ich mir Teilkorpora des COSMAS bedienen, vielleicht können auch andere Korpora herangezogen werden, z.B. das Oslo Multilingual Corpus (OMC).
Im Fokus des Interesses wird stehen, inwiefern die in Frage stehenden Sätze auch anders übersetzt werden, als in norwegischen Grammatiken vorgeschlagen wird, d.h. anhand von einem Satz mit einer Modalpartikel: Er wird wieder zu Hause sein -> Han er nok hjemme igjen ≈ Er ist sicher wieder zu Hause; Er wird Recht haben -> Han har nok rett ≈ Er hat bestimmt Recht.
Anne Jäger
Zwischen Modalität und Perspektivität: bekommen + zu + Infinitiv
Das Deutsche verfügt über drei Verben, die als allgemein anerkannte Hilfsverben gelten: sein, haben und werden. Zusätzlich zu diesen dreien gibt es jedoch noch eine ganze Reihe von Verben, die in Kombination mit infiniten Verben ebenfalls verschiedene grammatische Funktionen wahrnehmen können. Eines dieser Verben ist bekommen, das in Verbindung mit dem Partizip II das Rezipienten- bzw. Dativpassiv bildet. In dieser Funktion gilt bekommen mittlerweile als vergleichsweise stark auxiliarisiert, doch neben der Verwendung mit Formen im Partizip II ist auch die Verbindung mit zu-Infinitiven verbreitet. Bislang ist ungeklärt, welche Funktion bekommen in diesen Strukturen zukommt.
Van der Auwera/Kehayov/Vittrant (2009) formulieren die These, bekommen mit zu-Infinitiv könne – ähnlich den englischen get-to-Bildungen – „akquisitive Modalität“ bezeichnen. Damit müsste bekommen sich dem Paradigma der deutschen Modalverben annähern.
Einen anderen Ansatz eröffnet Leiss (1992), welche die Realisierung eines definiten Patiens in Subjektposition als eine zentrale Funktion des Passivs betrachtet. Ähnliches könnte auch für bekommen zutreffen, bei dem üblicherweise Rezipienten die Subjektposition einnehmen.
Die Frage, welche Bedeutung bekommen in Belegen mit zu-Infinitiven tatsächlich hat und inwiefern seine Funktion in diesen Verwendungen bereits grammatikalisiert ist, stellt das Zentrum dieses Beitrages dar.
Andrzej Kątny
Zur Interaktion zwischen Aspektualitätund Modalität in kontrastiver Sicht
Im folgenden Beitrag werden die Thesen von Abraham, Leiss (u.a.) über den kategorialen Zusammenhang zwischen der deontischen Modalität und perfektiver Markierung des Hauptverbs sowie zwischen der epistemischen Modalität und der grundsätzlich imperfektiven Markierung untersucht. Deontik und Epistemik werden hauptsächlich an den deutschen Modalverben und ihren Entsprechungen im Polnischen und z.T. Russischen dargestellt. Außerdem wird überprüft, inwiefern der Aspekt in der Slavia modale Funktionen übernehmen kann. Den Ausgangspunkt bildet die These, dass es im Deutschen keinen Aspekt als grammatische Kategorie gibt; man kann nur von der funktional-semantischen Kategorie der Aspektualität sprechen.
Literatur
- Abraham, Werner (1995): Deutsche Syntax im Sprachenvergleich. Grundlegung einer typologischen Syntax des Deutschen. Tübingen: Gunter Narr.
- Abraham, Werner / Elisabeth Leiss (Hgg.) (2009): Modalität und Evidentialität. Epistemik und Evidentialität bei Modalverb, Adverb, Modalpartikel und Modus. Tübingen: Stauffenburg.
- Andersson, Sven-Gunnar (2004): „Gibt es Aspekt im Deutschen?“, in: Gautier, Laurent /Didier Haberkorn (Hgg.): Aspekt und Aktionsarten im heutigen Deutsch. Tübingen: Stauffenburg.
- Leiss, Elisabeth (1992): Die Verbalkategorien des Deutschen. Berlin: De Gruyter.
- Leiss, Elisabeth (2000): „Verbalaspekt und die Herausbildung epistemischer Modalverben“, in: Eichinger, Ludwig / Oddleif Leirbukt (Hgg.): Aspekte der Verbgrammatik. Hildesheim: Olms, 63-83.
Svenja Kranich
Translating epistemic modality with evidentiality: Evidence from English-German translations of popular scientific texts
The exact nature of the relation between epistemic modality and evidentiality is still subject to debate. While there are very good reasons to clearly separate the two concepts (cf. Cornillie 2009), the present paper focuses on an effect of their conceptual proximity (cf. Nuyts 2005: 11f.), namely on the phenomenon of shifts between the two conceptual domains in translations.
Competent bilinguals can be shown to occasionally choose evidential expressions as translations of epistemic modal markers, as in the following example:
English Original: Certain autoimmune diseases tend to afflict those with particular HLA types, most likely because those HLA types when linked to particular antigens may look like naturally occurring proteins in the body.
German Translation: Menschen mit bestimmten HLA-Typen tendieren eher zu einigen dieser selbstzerstörerischen Erkrankungen. Die Wissenschaftler vermuten, dass die entsprechenden Zelloberflächenmoleküle körpereigenen Proteinen zu sehr ähneln, wenn sie bestimmte fremde Proteinfragmente anlagern und der Abwehr präsentieren .
The corpus used for this study consists of around 320,000 words of English popular scientific articles and their German translations (published in Scientific American, Natural Scientist and Spektrum der Wissenschaft). All epistemic uses of the modals may, might, can and must were extracted from the corpus and the translations of the utterances containing them were classified according to a number of criteria (e.g. grammatical category, modal strength).
The present paper focuses on cases of the type exemplified in (1), i.e. cases where the translator has chosen an evidential expression instead of an epistemic modal expression. I will argue that these cases represent non-arbitrary adaptations in the translation process. Often, they can be seen as a kind of explicitation. Instead of merely evaluating the likelihood of the truth of a proposition p, the translator also offers information as to the evidence on which this evaluation is based. Furthermore, the translational shift can help to attribute the evaluation to someone other than the speaker, as in (1). Translational choices as in (1), where the responsibility for the evaluation of truth is attributed to a third party (while the default source of evaluation in epistemic modal marking is the speaker) can thus be related to the different communicative situation constituted by translation (cf. Becher forthc.): the evidential expression allows the translator to make it clear that it is not his or her own evaluation that is at stake in the text.
On a more general note, the results suggest that, while it is desirable to distinguish the domains of epistemic modality and evidentiality from each other, there seem to be textual functions (such as not assuming full responsibility for the truth of p, hedging) which can be fulfilled by both.
References
Becher, Viktor (forthc.): “Abandoning the notion of “translation-inherent” explicitation. Against a dogma of translation studies”. Across Languages and Cultures.
Cornillie, Bert (2009): “Evidentiality and epistemic modality. On the close relationship between two different categories”. Functions of Language 16:1, 44–62.
Nuyts, Jan (2005): “The modal confusion: on terminology and the concepts behind it”, in: Klinger, Alex / Henrik Høeg Müller (Hgg.): Modality. Studies in Form and Function. London: Equinox, 5-38.
Olga Kostrova
Satzgefüge mit Objektsatz als prototypische Form zum Ausdruck der Evidentialität (anhand der deutschen Gegenwartssprache)
Bei der Kategorie Evidentialität geht es um Informationswahrnehmung/ Informationsbewusstmachen und Informationsweiterleitung von Seiten des Sprechenden und Informationswahrnehmung und Trennung des wahrgenommenen Sachverhalts und der Informationsquelle von Seiten des Rezipienten. Diese Beziehungen können in der sprachlichen Form Satzgefüge mit Objektsatz klar zum Vorschein kommen. In diesem Satzgefüge kommt der Sprechakt des Informierens zum Ausdruck, wobei die Person expliziert wird, die die Information äuβert. Die Information als solche wird von der Informationsquelle getrennt, was durch das Subjekt des Hauptsatzes zum Ausdruck kommt (Ich sage, dass…, Er sagt, dass…). Durch das Prädikatsverb des Hauptsatzes kann die Tatsache der Informationswahrnehmung oder des Verfügens über die Information – ihr Bewusstmachen – expliziert werden (Ich sah, dass/wie…, Ich weiβ, dass/wie). Durch die Deiktika im Nebensatz können Verweise auf Evidentialität expliziert werden, die dem Rezipienten bewusst ist (Er hätte wissen müssen, wie gefährlich das war [Böll]). Im Satzgefüge kann auch die Ereigniszeit von der Sprechzeit getrennt werden (…ich hatte regelrecht eine Art Schüttelfrost, kann ich Ihnen versichern [Böll]).
Der Evidentialitätsausdruck im Satzgefüge mit Objektsatz kann auf Grund von wenigstens zwei Parametern modelliert werden, die in Wechselwirkung mit einander stehen. Das erste ist der grammatische Ausdruck der Kategorie des Subjekts im Haupt- und Nebensatz, das zweite – die Semantik des Prädikats im Hauptsatz.
Die intersubjektiven Beziehungen ergeben auto- und alteroreflexive Evidenzarten. Die Semantik des Matrixprädikats kann auf verschiedene Informationsquellen verweisen: eigene oder fremde Wahrnehmung, eigenes oder fremdes Wissen, eigene oder fremde Gedanken, Erlebnisse, Gefühle, fremde Behauptung.
Das Gesagte lässt behaupten, dass die Evidentialität im Deutschen eine syntaktisch-pragmatische Kategorie ist, deren prototypischen Kern das Satzgefüge mit Objektsatz bildet.
Literatur
- Aikhenvald, Alexandra (2004). Evidentiality (Oxford Linguistics). Oxford: Oxford University Press.
- Гундарева, Елена С., Кострова, Ольга А. (2005). Семиотика косвенности в немецком языке (на материале сложноподчиненных предложений с придаточными объектными). Тольятти: Тольяттинский университет.
- Якобсон, Роман О. (1972, 19571). Шифтеры, глагольные категории и русский глагол //Принципы типологического анализа языков различного строя. Москва: Наука.
Michail L. Kotin
Ik gihôrta đat seggen… Modalität, Evidentialität, Sprachwandel und das Problem der grammatischen Kategorisierung
Ob der Evidentialität neben (oder in einigen Fällen gar statt) Modaltät der Status einer selbständigen grammatischen Kategorie zugesprochen werden kann, hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt davon, wie die grammatische Kategorie definiert wird und welche Charakteristika der sprachlichen Zeichen hier als Ausschlag gebend gelten. Das Inventar der hier in Frage kommenden paradigmenbildenden Merkmale ist recht groß und umfasst sowohl synchrone als auch diachrone bzw. panchrone (in statu nascendi definierbare) Kriterien. Ein anderes Raster ergibt sich aus der Dichotomie formaler und semantischer Kennzeichen. Die Möglichkeit der Aufstellung von Modellen, bei denen die Semantik einer „Evidentialität“ als systembildend und typologisch relevant erscheint und somit eine Kernkategorie im ATM-Gefüge darstellt, kollidiert offenkundig mit der traditionellen Sicht, bei der die Evidentialität höchstens eine Abart der (hierarchisch übergeordneten) Modalität ist. Aus der Perspektive des Sprachwandels kann man einerseits das Modell vorschlagen, bei dem sich Evidentialität aus gewissen Bereichen einer diffus definierbaren Modalität ergibt; andererseits kann aber auch die Evidentialität selbst als Quelle der (sprecherbezogenen) Modalität behandelt werden. Da nun aber weder Modalität noch Evidentialität bis heute terminologisch einheitlich behandelt werden, bleibt auch die kategoriale Einordnung der dahinter stehenden Zeichen weitgehend offen. Es wird daher versucht, beide Kategorialfunktionen auf dem Hintergrund des gesamten ATM (vielleicht sogar des ATMD mit D für Diathese)-Gefüges zu hinterfragen und das eventuelle Verhältnis der E(videntialitäts)-Kategorie zu Tempus (Temporalität), Modus (Modalität) und evtl. Genus verbi (verbaler Generität) herzustellen. Ferner kommt der Diskurs-Aspekt hinzu: Es wird nämlich versucht, die verschiedenen E(videntialitäts)-Zeichen zu berücksichtigen, welche unter gewisse historisch bedingte Diskurs-Domänen fallen, so die bekannte „unbewusste Verfasserschaft“ frühmittelalterlicher Dichtung etc. Mein Referat ist allerdings keine abgeschlossene korpusgestützte Studie, sondern vielmehr der Versuch einer Erweiterung der bisher favorisierten Fragestellung. Daher sind auch keine endgültigen Thesen zu erwarten, sondern lediglich neue, wenngleich wohl nicht triviale, Forschungsansätze im Bereich der diachronen Erforschung grammatischer Kategorien.
Oddleif Leirbukt
Über Konstruktionen mit modaler und perspektivischer Divergenz zwischen Haupt- und Nebensatz: Dort war für mich ein Zimmer reserviert, falls ich hätte übernachten müssen u.dgl.
In der Literatur stiefmütterlich behandelte Bildungen des im Vortragstitel illustrierten Typs sind dadurch gekennzeichnet, dass ihre Teilsätze eine modale Divergenz aufweisen (im angeführten Beispiel: Faktizität vs. Irrealität = Kontrafaktizität), der regelhaft eine perspektivische korrespondiert: prospektive Sicht (vom Standpunkt der Vergangenheit aus) vs. retrospektive Sicht (von der Sprechzeit aus). Letztere geht mit einem Rekurs auf den sprecherseitigen Wissensstand im Redemoment einher, von dem die modale Deutung des im Nebensatz genannten Sachverhalts abhängt.
Modale und perspektivische Heterogenität ist nicht nur in Konstruktionen mit Konditionalsatz als Bestandteil zu beobachten, sondern auch in solchen mit Relativsatz, dass-Satz und damit-Satz. Sie ermöglicht eine ökonomische Darstellung von inhaltlich miteinander verbundenen Sachverhalten und ist auch für die Gestaltung des laufenden Textes von Relevanz, wie zur Abrundung des Beitrags gezeigt werden soll.
Elisabeth Leiss
Lexikalische versus grammatische Epistemizität und Evidentialität
Ziel des Vortrags ist der Nachweis, dass lexikalisch kodierte Evidentialität und lexikalisch kodierte Epistemizität funktional getrennt werden müssen, während grammatisch kodierte Evidentialität und grammatisch kodierte Epistemizität als funktionale Äquivalente eingeordnet werden können. Um also die Frage beantworten zu können, ob Epistemizität und Evidentialität eine äquivalente Funktion kodieren oder vielmehr funktional differenziert werden sollten, muss eine scharfe Trennung zwischen Lexikon und Grammatik vorgenommen werden. Diese Trennung wird allerdings von kognitivistischen Ansätzen zur Modalität (wie etwa Nuyts 2000) und konstruktionsgrammatischen Arbeiten zunehmend verworfen. Was dabei verloren geht, ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Komplexität von lexikalischer versus grammatischer Deixis, wie sie bereits von Diewald (1991) heraus-gearbeitet wurde. In einem Ausblick soll gezeigt werden, dass die aktuelle konstruktions-grammatische Orientierung, unter anderem auch von Diewald, einen Rückschritt hinter bereits erreichte Positionen darstellt, wofür auch ein (weitgehend unerkannter) Wechsel der Axiomatik bzw. sprachtheoretischer Grundpositionen verantwortlich zu machen ist (vgl. dazu Leiss 2009).
Literatur:
- DIEWALD, Gabriele (1991): Deixis und Textsorten im Deutschen. Tübingen: Niemeyer (Tübinger Arbeiten zur Germanistischen Linguistik 118).
- LEISS, Elisabeth (2009): Sprachphilosophie. Berlin, New York: de Gruyter.
- NUYTS, Jan (2000): Epistemic modality, language and conceptualization. Amsterdam. Philadelphia: Benjamins (Human Cognitive Processing 5).
Ole Letnes
Über evidenzielle und modale Ausdrücke
Eine in der einschlägigen Fachliteratur kontroverse Frage ist bekanntlich, ob epistemische Modalität und Evidenzialität sich (mehr oder weniger) überschneidende Kategorien sind, oder ob sie “entirely different cognitive areas” (de Haan 2001: 203) darstellen. Ähnlich auch Aikhenvald, die Evidenzialität als “a category in its own right”, d.h. keine “subcategory of epistemic or some other modality, or tense-aspect” bezeichnet (Aikhenvald/Dixon 2003: 1).
Nach de Haan (2001: 203) könnte der Grund für die so oft postulierte Verwandtschaft zwischen den beiden Kategorien darin liegen, dass germanische Sprachen Evidenzialität und epistemische Modalität z.T. mit denselben Markern ausdrücken, z.B. Modalverben. Global gesehen sind aber “modal elements as source for evidentials”, wie de Haan es ausdrückt, “comparatively rare”.
Lange, nicht zuletzt seit Arbeiten wie Saltveit (1960, 1962), Fourquet (1970) und Vater (1975) bestand in der Literatur weitgehend Konsens darüber, dass werden (in der Konstruktion werden + Infinitiv) zu den Modalverben zu rechnen sei. Das Thema werden als (epistemisches) Modalverb wurde von zahlreichen Autoren aufgegriffen, wobei die Fachdiskussionen vor allem den Fragen galten, ob werden auch in Sequenzen mit Zukunftsbezug als Modalverb zu betrachten sei und welcher relative Faktizititätswert werden-Sätzen beizumessen ist.
In neuerer einschlägiger Literatur, wie Diewald (2005) und Diewald/Smirnova (2010), ändert sich die Sicht der Dinge zum Teil radikal. Diewald setzt ”als grundlegendes Merkmal von werden & Infinitiv eine evidentielle Bedeutungskomponente” (2005: 30) an. Auch das englische will + Infinitiv, das mit dem deutschen werden parallele Eigenschaften besitzen dürfte, wird seit einiger Zeit in die Nähe der Evidenziale gerückt (cf. hier z.B. de Haan 2009).
In meinem Beitrag möchte ich mir u.a. mehr ”traditionelle” Darstellungen zu werden + Infinitiv im Hinblick darauf ansehen, inwieweit sie mit neueren Einsichten (und neuer Terminologie) in Einklang zu bringen sind. Hier werde ich u.a. Dieling (1982, 1983) und Ulvestad (1984) heranziehen, wobei Letzterer auf der Basis eines umfangreichen literarischen Materials epistemische müssen- und werden-Sätze vergleicht.
Literatur
- Aikhenvald, Alexandra Y./R.M.W. Dixon (eds.) (2003): Studies in Evidentiality. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company.
- De Haan, Ferdinand (2001): ”The relation between modality and evidentiality” (= Linguistische Berichte, Sonderheft 2001). Hamburg: Buske, 201-216.
- De Haan, Ferdinand (2009): ”On the Status of Epistemic Must”, in: Studies on English Modality. In Honour of Frank Palmer. Bern etc.: Peter Lang, 261-284.
- Dieling, Klaus (1982): ”Das Hilfsverb werden als Zeit- und als Hypothesenfunktor”, in: Zeitschrift für Germanistik 1/82, 325-331.
- Dieling, Klaus (1983): ”Die Modalverben als Hypothesenfunktoren”, in: Deutsch als Fremdsprache 20, 325-331.
- Diewald, Gabriele (2004): ”Faktizität und Evidentialität: Semantische Differenzierungen bei den Modal- und Modalitätsverben im Deutschen”, in: Leirbukt, Oddleif (Hg.): Tempus/Temporalität und Modus/Modalität im Sprachenvergleich (= Eurogermanistik. Europäische Studien zur deutschen Sprache). Tübingen: Stauffenburg, 231-258.
- Diewald, Gabriele (2005): ”Werden & Infinitiv – Versuch einer Zwischenbilanz nebst Ausblick”, in: Deutsch als Fremdsprache 1/05, 23-32.
- Diewald, Gabriele/Elena Smirnova (2010): ”Abgrenzung von Modalität und Evidentialität im heutigen Deutsch”, in: Katny, Andrzej/Anna Socka (Hgg.): Modalität/Temporalität in kontrastiver und typologischer Sicht. Frankfurt a.M. usw.: Peter Lang.
- Fourquet, Jean (1970): ”Zum ’subjektiven’ Gebrauch der deutschen Modalverba”, in: Moser, Hugo et al. (Hgg.): Studien des heutigen Deutsch. Paul Grebe zum 60. Geburtstag (= Sprache der Gegenwart, Band 6), 154-161.
- Palmer, Frank R. (2001): Mood and Modality (= Cambridge Textbooks in Linguistics). 2nd Edition. Cambridge: Cambridge University Press.
- Saltveit, Lauritz (1960): ”Besitzt die deutsche Sprache ein Futur”, in: Der Deutschunterricht 5, 46-65.
- Saltveit, Lauritz (1962): Studien zum deutschen Futur. Die Fügungen werden mit dem Partizip des Präsens und werden mit dem Infinitiv in ihrer heutigen Funktionen und in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Bergen/Oslo: Norwegian University Press.
- Ulvestad, Bjarne (1984): ”Die epistemischen Modalverben werden und müssen in pragmalinguistischer Sicht”, in: Pragmatik in der Grammatik. Jahrbuch 1983 des Instituts für deutsche Sprache (= Sprache der Gegenwart, Band 60). Düsseldorf: Schwann, 262-294.
- Vater, Heinz (1975): ”Werden als Modalverb”, in: Calbert, Joseph/Heinz Vater: Aspekte der Modalität (= Studien zur deutschen Grammatik, Band 1). Tübingen: Gunter Narr, 72-147.
Luise Liefländer-Leskinen
Modalpartikeln im fiktionalen Dialog und in der Übersetzung
Modalpartikeln haben eine textkonstituierende Rolle, wie schon Harald Weydt am berühmten Beispiel von Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Nachts schlafen die Ratten doch“ gezeigt hat. Die Partikel doch kann hier sowohl als illokutionsmodifizierend als auch als situationsdefinierend gesehen werden, wobei sie auf dritter Ebene auch noch eine wichtige Funktion hinsichtlich des Verstehens des literarischen Textes hat. Beim Übersetzen muss dieses durch Kreativität und Subjektivität bei den Entscheidungsstrategien berücksichtigt werden.
In meinem Vortrag sollen die obigen Aspekte beleuchtet werden und so zugleich versucht werden, dem komplizierten Geflecht von literarischen Texten und ihrer Realisierung in anderen Sprachen auf die Spur zu kommen.
José Pinto de Lima
On epistemic modality and evidentiality in Portuguese through speech act verbs
Portuguese speech act verbs such as prometer (promise) and ameaçar (threaten) have undergone change from a purely lexical use to a more grammaticalized one, by which they may be said to have entered the realm of epistemic modality, as well as the possibility of signalling evidentiality. In my presentation the grammaticalization process of both verbs will be described, by developing on previous work (in the case of ameaçar, Pinto de Lima 2006) or by engaging in new (in the case of prometer). Accepting the distinction between epistemic modality and evidentiality to be categorical (De Haan, 1999, 2005; Aikhenvald, 2004) the statute of these verbs as epistemic (semi-)modals will be discussed and evaluated on the basis of criteria such as inclusion in a grammatical paradigm, obligatoriness, distribution and frequency. For this evaluation, a comparison will be undertaken with the verbs poder, dever and ter de/ que (can, must and have to), which have established epistemic modal senses. This will lead us to the presence of evidentiality in the use of these verbs: in order to ascertain its nature and depth of grammaticalization, the verb parecer (seem) will be called upon (Pinto de Lima, 2004) and the hypothesis will be tested of the emergence of a paradigm of evidentiality involving these verbs, as it has been suggested for their German correlates (Diewald/ Smirnova, submitted).
References
- Aikhenvald, Alexandra Y. (2004). Evidentiality. Oxford: Oxford University Press.
- De Haan, Ferdinand (1999). “Evidentiality and Epistemic modality: Setting the Boundaries”. In Southwest Journal of Linguistics 18, 83-101.
- De Haan, Ferdinand (2005). “Encoding speaker perspective: Evidentials”. In Frajzyngier, Zygmunt/ Adam Hodges/ David S. Wood (eds.), Linguistic diversity and language theories, 379-397. Amsterdam/ Philadelphia: Benjamins.
- Diewald, Gabriele/ Elena Smirnova (2010). „Abgrenzung von Modalität und Evidentialität im heutigen Deutsch“. In Socka, Anna/ Andrzej Katny (Hgg.), Modalität/ Temporalität in kontrastiver und typologischer Sicht. Frankfurt am Main usw.: Peter Lang. (Danziger Beiträge zur Germanistik.)
- Pinto de Lima, José (2004). "On evidential verbs in German and Portuguese: The grammaticalization of scheinen and parecer". In Bračič, Stojan/ Darko Čuden/ Saša Podgoršek/ Vladimir Pogačnik (Eds.). Linguistic Studies in the European Year of Languages. Proceedings of the 36th Linguistic Colloquium, Ljubljana 2001, 415-424. Frankfurt-am-Main: Peter Lang.
- Pinto de Lima, José (2006). “Zur Grammatikalisierung von dt. drohen und pg. ameaçar“. In Schmidt-Radefeldt, Jürgen (Hrsg), Portugiesisch kontrastiv gesehen und Anglizismen weltweit. Rostocker Romanistische Arbeiten 10, 205-220. Frankfurt-am-Main: Peter Lang.
Tanja Mortelmans & Jeroen Vanderbiesen
wollen, sollen und der Konjunktiv I: Modalität und Evidentialität revisited
Bekanntlich gibt es im Deutschen unterschiedliche Mittel, (Formen der) Redewiedergabe zu markieren (vgl. u.a. Fabricius-Hansen 2002). Manche dieser Mittel sind dem grammatischen Repertoire der Sprache zu entnehmen (Konjunktiv I, Modalverben sollen, wollen), andere gehören eher zum lexikalischen Bereich (z.B. das Adverb angeblich). In unserem Beitrag konzentrieren wir uns auf die grammatischen Mittel, d.h. auf den Konjunktiv I (zur Markierung der indirekten Rede) und auf die reportive Verwendung der Modalverben sollen und wollen. Wir vertreten dabei die These, dass sowohl die konjunktivische Markierung als die reportiven Modalverben als Marker der (deiktischen) Evidentialität in Betracht kommen (contra Smirnova / Diewald 2010), weil sie u.E. auf „die sprachliche Enkodierung der Informationsquelle, d.h. einer bestimmten Quellenlage der Sprecherin / des Sprechers bezüglich des dargestellten Sachverhalts“ (Diewald / Smirnova 2010) Bezug nehmen. Sie unterscheiden sich allerdings in der Art und Weise, wie berichtender und berichteter Sprecher (Ego und Alter-Ego bei Smirnova / Diewald 2010) konstruiert werden.
Wie zu erwarten, konstruiert der Konjunktiv I – als ein formal sehr stark grammatikalisiertes Mittel – den berichtenden Sprecher (Ego) mit maximaler Subjektivität, indem er das Sagen eines Alter-Ego fokussiere (Smirnova / Diewald 2010; vgl. auch Mortelmans 2009). Bei dem Modalverb sollen dahingegen ist der berichtende Sprecher (Ego) stärker präsent: ein Alter-Ego wird im Prinzip nicht eingeschaltet. Dadurch liegt der stärkere Akzent auf dem Inhalt der wiedergegebenen Proposition, zu dem der Sprecher Stellung beziehen kann.
Elsa sagte, sie sei krank. [Ego sagt: Alter-Ego sagte: ‚Ich bin krank‘]
Elsa soll krank sein. [Ego sagt: Ego habe gehört: Elsa ist krank‘]
In unserem Beitrag wollen wir zunächst der Frage nachgehen, wie sich reportives wollen zu beiden anderen Markern verhält. Zu diesem Zweck wurde eine Korpusanalyse durchgeführt, deren Resultate dargelegt werden. Zweitens möchten wir auf die Frage eingehen, inwiefern es sinnvoll ist, konjunktivisch markierte indirekte Rede aus der Kategorie der Evidentialität (im Sinne von Aikhenvald 2003) auszugrenzen, wie es Smirnova / Diewald (2010) vorschlagen.
“Evidentiality proper is understood as stating the existence of a source of evidence for some information; that includes stating that there is some evidence, and also specifying what type of evidence there is. “ (Aikhenvald 2003:1)
Das deutsche Modus- und Modalverbsystem bietet u.E. ein Beispiel für ein formal gemischtes epistemisch-evidentielles Paradigma, bei dem der Konjunktiv II als Marker der Nichtfaktizität eher dem epistemischen Bereich zugeschlagen werden muss (zu dem z.B. auch die Modalverben dürfte und könnte gehören), während der Konjunktiv I eher dem evidentiellen (reportiven) Bereich angehört, als dessen andere Marker wollen und sollen in Betracht kommen.
Referenzen
- Aikhenvald, Alexandra (2003): Evidentiality in typological perspective. In: Aikhenvald, Alexandra Y. / Robert M. Dixon (Hrsg.), Studies in Evidentiality. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins, 1-31.
- Diewald, Gabriele / Elena Smirnova (2010): Abgrenzung von Modalität und Evidentialität im heutigen Deutsch. In: Katny, Andrzej / Anna Socka (Hrsg.), Modalität / Temporalität in kontrastiver und typologischer Sicht. Frankfurt a.M: Peter Lang, 113-131.
- Fabricius-Hansen, Cathrine (2002): Nicht-direktes Referat im Deutschen. Typologie und Abgrenzungsprobleme. In: Fabricius-Hansen, Cathrine / Oddleif Leirbukt / Ole Letnes (Hrsg.), Modus, Modalverben, Modalpartikeln. Trier: Fokus, 3–27.
- Mortelmans, Tanja (2009): Erscheinungsformen der indirekten Rede im Niederländischen und Deutschen: zou, soll und der Konjunktiv I. In: Abraham, Werner / Elisabeth Leiss (Hrsg.), Modalität. Epistemik und Evidentialität bei Modalverb, Adverb, Modalpartikel und Modus. Tübingen: Stauffenburg, 171-187.
- Smirnova, Elena / Gabriele Diewald (2010): Indirekte Rede zwischen Modus, Modalität und Evidentialität. Präsentation auf der Konferenz Deutsche Sprachwissenschaft in Italien, 4.-6. Februar 2010.
Irina Schipowa
Evidentialitätsmarker im literarischen Text und ihre pragmatische Deutung
Da der literarische prosaische Text kein einheitliches Gebilde ist und solche Textsorten beinhaltet wie Beschreiben, Erzählen, Argumentieren usw., haben verschiedene Formen der Evidentialität in entsprechenden Textabschnitten unterschiedliche pragmatischen Ziele. Die Evidentialität als textinternes Merkmal hat eine wichtige Rolle für die adäquate Textinterpretation. Ob man durch ein Modalverb oder Modalpartikel oder durch Konjunktiv - Struktur "würde + Infinitiv" eine fremde Äußerung markiert, sowie in welcher Textsorte diese Marker erscheinen, kann die Bedeutung des Abschnitts oder eben des ganzen Textes beeinflussen. Die Literaturwissenschaft, die sich auf die inhaltlichen Einzelheiten eines Textes konzentriert, ignoriert manchmal die grammatische, morphologische oder syntaktische Form des sprachlichen Ausdrucks. Deswegen ist die Aufgabe der Linguistik, nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form zu untersuchen und den dadurch entstehenden Subtext präzis zu erforschen.
Die Evidentialität ist aufs Engste mit der Epistemizität verbunden. Deswegen ist es wichtig die Überschneidungsbereiche von beiden zu untersuchen, was für den literarischen Text vom interpretatorischen Standpunkt von besonderer Bedeutung sein kann. Es scheint, dass durch die Kontextgebundenheit im Rahmen eines literarischen Werks die mögliche Deutung der beiden Kategorien besser betrachtet werden kann.
Was oft nicht auf der Oberflächenebene des Textes zum Ausdruck kommt, sondern nur durch die Analyse der einzelnen Elemente der Tiefstruktur erschließbar wird, wäre als Aufgabe des vorzubereitenden Vortrags zu sehen. Als Text für die Analyse wird ein modernes Werk gewählt, der dafür günstige Möglichkeiten zur Verfügung stellen würde.
Anna Socka
Evidentialität und Epistemizität in der Bedeutung reportativer Ausdrücke aus kontrastiver Sicht (Deutsch – Polnisch)
Je nach der Art der ausgedrückten Informationsquelle unterscheidet man gewöhnlich zwischen der direkten und der indirekten Evidentialität, die wiederum in die inferentielle (die Information wird vom Sprecher aus Prämissen erschlossen) und die reportative (die Information wird dem Sprecher von anderen Personen mitgeteilt) zerfällt (vgl. z.B. De Haan 2005:379). Während man in den Anfängen der Evidentialitätsforschung den Terminus nur auf grammatische Ausdrücke (etwa obligatorische Markierung am Verb) bezog (vgl. Diewald 2004:235), gibt es seit den 90er Jahren eine wachsende Gruppe von Linguisten, die explizit von „lexikalische[n] evidenzielle[n] Markierungen“ (Wiemer 2008:11) sprechen (für eine eingehende Diskussion vgl. Wiemer 2009). Dieser Betrachtungsweise schließe ich mich an. So zähle ich zu den reportativen Ausdrücken im Deutschen neben dem sog. Referatskonjunktiv und den Modalverbkonstruktionen wollen/sollen+Infinitiv auch die Satzadverbien angeblich und vorgeblich. Das Polnische verfügt über mehrere Satzadverbien (podobno, niby, jakoby, rzekomo) und die Modalverbkonstruktion miec+Infinitiv. Von den meisten reportativen Ausdrücken wird behauptet, dass sie neben der evidentiellen auch eine modal-epistemische Bedeutung haben. Selten werden die beiden Bedeutungskomponenten jedoch im Rahmen einer tiefgehenden semantischen resp. pragmatischen Analyse beschrieben (nennenswerte Ansätze sind Wierzbicka (2006:278-285) für das Englische und vor allem Wiemer (2006) für das Polnische; man vergleiche auch Diewald (1999:225-231) für wollen/sollen+Infinitiv). Interessant ist dabei insbesondere, ob die epistemischen Schattierungen Bestandteil der lexikalischen Bedeutung sind oder auf pragmatischem Weg, etwa durch konversationelle Implikaturen, ableitbar sind. Am Beispiel der reportativen Ausdrücke des Deutschen und des Polnischen sollen die Probleme veranschaulicht und Wege zu ihrer Lösung gesucht werden. In Anlehnung an Errungenschaften der Pragmatik Gricescher und Neo-Gricescher Prägung (vgl. Meibauer 2006) sollen entsprechende Testverfahren vorgeschlagen werden.
Literatur
- De Haan, Ferdinand (2005): Encoding speaker perspective: Evidentials. In: Frajzyngier, Zygmunt/ Hodges, Adam/ Rood, David S. (Hgg.): Linguistic Diversity and Language Theories (= Studies in Language Companion Series 72). Amsterdam: Benjamins, 379-397.
- Diewald, Gabriele (1999): Die Modalverben im Deutschen. Grammatikalisierung und Polyfunktionalität (= Reihe Germanistische Linguistik 208).Tübingen: Niemeyer.
- Diewald, Gabriele (2004): Faktizität und Evidentialität: Semantische Differenzierungen bei den Modal- und Modalitätsverben. In: Leirbukt, Oddleif (Hg.): Tempus/Temporalität und Modus/Modalität im Sprachvergleich. Tübingen: Stauffenburg (Eurogermanistik 18), 231-256.
- Meibauer, Jörg (2006): Implicature. In: Brown, Keith (2006) (Hg.): Encyclopedia of Language and Linguistics. 2nd edition. Vol. 5. Oxford: Elsevier, 568-580.
- Wiemer, Björn (2006): Particles, parentheticals, conjunctions and prepositions as evidentiality markers in contemporary Polish (a first exploratory study). Studies in Polish Linguistics 3, 5-67.
- Wiemer, Björn (2008): Lexikalische Markierungen evidenzieller Funktionen: Zur Theoriebildung und empirischen Forschung im Slavischen. Wiener Slawistischer Almanach. Sonderband 72, 5-49.
- Wiemer, Björn (2009): Hearsay in European languages: toward an integrative account of grammatical and lexical marking. Erscheint in: Diewald, Gabriele / Elena Smirnova (Hgg.): Linguistic Realization of Evidentiality in European Languages (= Empirical Approaches to Language Typology). Berlin, New York: Mouton de Gruyter.
- Wierzbicka, Anna (2006): English. Meaning and Culture. Oxford: Oxford University Press.
Elizabeth Closs Traugott
Dialogically contractive uses of modal adverbs in Proceedings of the Old Bailey
Seventeenth and eighteenth century courtroom trials have been shown to provide valuable insights into language use and change in the Early Modern English period (Kryk-Kastovsky 2006, 2007, Archer 2007). Most studies have focused on trials as evidence for interactive dialogue, especially speech acts. In this paper I investigate the use of some modal adverbs in the Proceedings of the Old Bailey 1674-1834 (see Huber 2007 on the linguistic value of this corpus) with focus on the dialogic/contesting functions to which they are put (White 2003, Traugott 2008). The adverbs selected are a subset of adverbs of modal certainty: no doubt, undoubtedly, surely, and necessarily, and their use is compared to that of Present Day English as attested in ICE-GB and BNC (Simon-Vandenbergen and Aijmer 2007). Of these modals adverbs undoubtedly and necessarily are largely restricted to transcriptions of what was said in court. For example, undoubtedly is used by participants in the trials (mainly surgeons, judges, but also defendants) (1779, Q. They may bring tools of their own? A. They may undoubtedly, but I do not know that they do). By contrast, no doubt and surely are also used by the reporter (1675, she was found guilty upon both Indictments, and no doubt will be made an example). The data therefore show that the discourse marker uses of no doubt and surely were already well established by the later seventeenth century. I discuss ways in which the modals are used by the participants in the trials over time and especially by the reporter to take up various stances. I argue that the modal adverbs are for the most part used in “dialogically contractive” ways, i.e. “to close down or contract the space for the alternatives” (White 2003: 268). This study is a contribution to the understanding of genre effects on the development of meaning (Moore 2006) from an interactional discourse perspective.
- Archer, Dawn 2007. Developing a more detailed picture of the English courtroom (1640-1760): Data and methodological issues facing historical pragmatics. In S. Fitzmaurice & I. Taavitsainen, eds., Methods in Historical Pragmatics, 185-217. Berlin/New York: Mouton de Gruyter.
- Huber, Magnus. 2007. The Old Bailey Proceedings, 1674–1834: Evaluating and annotating a corpus of eighteenth- and nineteenth-century spoken English. In A. Meurman-Solin & A. Nurmi, eds., Annotating Variation and Change. eVARIENG: Studies in Variation, Contact and Change in English, Vol. 1. <http://www.helsinki.fi/varieng/journal/volumes/01>.
- Kryk-Kastovsky, Barbara, ed. 2006, 2007. Historical Courtroom Discourse. Special issues of Journal of Historical Pragmatics, 7, 8.
- Moore, Colette. 2006. The use of videlicet in Early Modern slander depositions: A case of genre-specific grammaticalization. Journal of Historical Pragmatics 7: 245-263.
- Simon-Vandenbergen, Anne-Marie and Karen Aijmer. 2007. The Semantic Field of Modal Certainty: A Corpus-Based Study of English Adverbs. Berlin: Mouton de Gruyter.
- Traugott, Elizabeth Closs. 2008. “All that he endeavoured to prove was…”: On the emergence of grammatical constructions in dialogic contexts. In Robin Cooper and Ruth Kempson, eds. Language in Flux: Dialogue Coordination, Language Variation, Change and Evolution, 143-177. (Communication, Mind & Language, 1.) London: Kings College Publications.
- White, P. R. R. 2003. Beyond modality and hedging: A dialogic view of the language of intersubjective stance. Text 23: 259-284.
